Gone but not forgotten
Karte meines Opas an meine Oma.
Karte meines Opas an meine Oma.
Morgen geht's also Richtung Südosten. Eigenartig, dass ich jetzt, wo die monatelange Warterei ein Ende hat, völlig ruhig und unaufgeregt bin. Fast unheimlich WIE entspannt ich bin. Ich denke selbst jetzt noch nicht daran, Koffer zu packen. Stattdessen schaue ich mir die 900 Fotos an, die ich in den letzten drei Monaten gemacht und bastle an einem neuen Header. Was man halt so macht, eine Nacht vor dem Abflug.
Wie noch nie zuvor bei einer Reise, habe ich große Erwartungen. Und das hat nichts mit dem Hotel, dem Essen, dem Wetter oder sonstigem zu tun. Das letzte halbe Jahr hat mich viel Energie gekostet und die Aussicht auf diesen Urlaub war in schweren Momenten das einzige, das mich nicht völlig zusammenbrechen ließ. In den kommenden zwei Wochen möchte ich einfach sein, alten Ballast loswerden
und wieder die Lust am Leben spüren.
Es gibt sie, die perfekten Momente im Leben, die den Schleier absoluter Glückseligkeit über einen legen. Das Herz ist bis zum Anschlag geöffnet, quälende Gedanken von der Tagesordnung gestrichen und die Illusion von Freiheit permanent präsent. Augenblicke, an deren Vollkommenheit man sich bis an Ende der Tage erinnern wird.
Die vergangenen drei Tage in Kroatien waren für mich eine Aneinanderreihung solcher besonderen Momente. Dabei war es nicht einmal MEIN Geburtstag. Aber mein Geburtstagsgeschenk.
Besuche blutsverwandter Menschen, die man sich bekanntlich nicht aussuchen kann, lösen bei vielen, die ich kenne einen Fluchtreflex aus. Für nächste Woche haben sich meine Eltern angekündigt.
Aber bei uns läuft das anders. Monatelang musste ich sie förmlich beknien, dass sie doch endlich mal wieder die Monsterstrecke von Linz nach Klagenfurt (meine Eltern sehen das tatsächlich so) für mich auf sich nehmen.
Der Wunsch, meiner Familie nahe zu sein, war noch nie so stark wie jetzt. Vor zehn Jahren zog ich von zuhause aus, um genau solche Zusammentreffen auf ein Minimum zu beschränken. Unterschiedliche Auffassungen darüber, "was das Beste für mich sei", haben u.a. dazu geführt. Aber je älter ich werde, desto besser verstehe ich, warum die Dinge in der Vergangenheit so gelaufen sind. Eltern sind eben auch nur Menschen mit einer Lebensgeschichte, die sie handeln lässt, wie sie persönlich es für richtig halten.
Der Ärger, das Unverständnis und die Kränkungen über Gesagtes und Getanenes haben Platz gemacht für den Blick auf die Menschen hinter ihrer "Funktion". Es mag eigenartig klingen, aber ich lerne mit jedem Gespräch ihre Lebensgeschichte erst jetzt richtig kennen. Und das bringt meine Eltern und mich Schritt für Schritt näher.
Schon als Kind spürte ich den Drang zu reisen. Mit vierzehn schlug ich meiner Mama vor, mich als Austauschschülerin doch nach Turks & Caicos zu schicken. Das klang so schön exotisch und so weit weg. Wie das Paradies, das es für mich zu entdecken galt. Gelandet bin ich dann für ein paar Wochen in der Schweiz. Auch gut, nur nicht ganz so abenteuerlich.
Mit fünfzehn verbrachte ich den Sommer bei bis dahin wildfremden Leuten in Portland, Oregon. Auf deren Adresse kam ich durch ein Buch, das sich mit der Herkunft meines Familiennamens beschäftigte. Im Anhang fand sich praktischerweise eine Liste mit Personen auf der ganzen Welt, die eines gemeinsam haben. Genau. Den Nachnamen.
Wenn diese Gemeinsamkeit mal nicht Grund genug ist, mich für mehrere Wochen bei sich aufzunehmen, dachte ich mir, und lud mich bei einer Dame, die auch noch denselben Vornamen hatte wie ich, gleich für ein paar Wochen ein. Klingt schräg, war es auch. Bis heute bin ich dankbar für diese Erfahrung. Die Dame und ihr Ehemann wurden übrigens sowas wie meine amerikanischen Zweitfamilie, mit der ich heute noch in Kontakt bin.
Es muss ja nicht immer so abenteuerlich sein. Aber ich vermisse das Reisen so sehr, dass es mir fast körperliche Schmerzen bereitet. Ich brauche meinen nächsten Schuss!
Jene, denen ich am meisten vertraue, sind alle nicht in meiner Nähe. Eine meiner Freundinnen zog vor wenigen Tagen von Belgien nach Ghana. Obwohl ich sie schon vor Jahren an Brüssel verlor, war der Umzug nach Afrika schmerzhaft. Zwei weitere wichtige Frauen traf ich während meiner Wienzeit. Als ich wegzog, blieb zwar die innere Verbundenheit, aber jede macht irgendwie ihr Ding weiter und Treffen sind eher die Ausnahme als die Regel.
Hier in Klagenfurt habe ich keine echte Freundin. Eine, bei der man sich ohne Maulkorb ausheulen kann. Eine, mit der man am Samstag shoppen geht und dann spontan in einer Bar bei Prosecco und Prosciutto bis spät in der Nächt hocken bleibt. Eine, bei der man ungeschminkt und im Ranzlook auftachen kann, wenn einem danach ist. Und einfach nur gemeinsam rumhängt. Ohne Plan.
Heute habe ich nach Wochen wieder einmal mit einer meiner Wien-Frauen telefoniert. Ich mag es, wieder für einen kurzen Moment in ihr Leben einzutauchen und dabei das Gefühl zu haben, es hätte sich nichts zwischen uns geändert.
Immer wenn ich an meinen Opa denke, und das ist täglich, spielt das Gefühlsklavier in mir ganz automatisch das ganze Schönbergsche Reportoire ab. 12-Ton Emotionenmusik in Reinkultur. Ich bin traurig, wütend, hilflos und der gesammelte Weltschmerz füllt mich aus. Ich scheine eine spirituelle Null zu sein, denn niemand in der Familie scheint seinen Tod weniger gut zu verkraften als ich. Ich kann nicht loslassen. Konnte ich noch nie. Und was das Geburtstags-Erinnerungsmail, das ich heute bekam, weil ich meinen Kalender noch nicht aktualisiert habe, in mir ausgelöst hat, brauche ich wohl nicht extra erwähnen. Ich schaffe es einfach nicht, seinen Geburtstag zu löschen.
Ich vermisse dich so sehr, aber wir werden einander wiedersehen. Bis dahin bleibst du unvergessen.
Nach meinem Besuch im Sommer habe ich versucht, loszulassen und es endlich zu akzeptieren, dass du nicht mehr willst. Damals schon dachte ich, es wird nicht mehr lange dauern, bis du uns verlässt.
Dich zu Weihnachten nochmals zu sehen, hat mir dann den Boden unter den Füßen weggerissen. Auf diesen Anblick war ich nicht vorbereitet. Es fällt schwer, an die schönen Dinge im Leben zu denken, wenn ich an die Bilder denke, die sich mir vor wenigen Wochen ins Gedächtnis gebrannt haben. Ans Bett gefesselt, schwach, nahezu regungslos und unendlich zerbrechlich. Schmerzen hast du zum Glück keine. Aber du bist dehydriert und unterernährt, weigerst dich genügend zu essen und zu trinken. Jeder Bissen, jeder Schluck erzeugt Ekel. Nur um die Augen offen zu halten, brauchst du mehr Kraft als du hast.
Aber du bist zäher, als viele dachten. Du lebst.
Ich wollte, dass du noch einmal hörst, wie sehr ich dich liebe und dass du auch sonst alles, was ich dir zugeflüstert habe, mit hinüber nimmst.
Ich sollte dankbar dafür sein, dass ich mich von dir verabschieden konnte. Und dafür, dass du von deiner Familie gut gepflegt wirst und deinen letzten Atemzug daheim wirst machen können. Aber der Schmerz darüber, dich bald zu verlieren, überwältigt mich. Ich schaffe es einfach nicht zu sagen, es ist okay, so wie es ist. Für mich ist es das einfach nicht. Noch nicht.
Sei unbesorgt. Ich werde dich auf deinem letzten Weg begleiten. Versprochen.
Manchmal müssen Situationen erst komplett verarbeitet werden, um Worte zu finden, die ihnen gerecht werden.
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