Die beiden bemüht bunten Blumenfotos an der Wand sind zu schwach, um gegen die übermächtigen Weiß- und Beige- und Grautöne in Deinem Krankenzimmer anzukommen. Gedrückte Stimmung. Nicht nur innerhalb des Zimmers. Draußen ist der Himmel wolkenverhangen. An den gegenüber liegenden Hauswänden läuft noch immer Regenwasser herab und sucht sich in mehrspurigen, dunklen Bahnen einen Weg nach unten. Als wir in Dein Zimmer kommen, bist Du gerade dabei aufs Klo zu gehen. Ein enormer Fortschritt, wie ich erfahre. Eine Woche lang hast Du Dich nicht alleine aus dem Bett bewegt. Später erfahre ich, dass die Schwestern diese Woche nicht allzu glücklich darüber waren, dass Du einmal ins Bett gemacht hast. Du sollst auf den roten Knopf drücken, wenn Du aufs Klo musst oder in diese Urinpfanne reinmachen, sagen sie. Aber den roten Knopf merkst Du Dir nicht. Und die Schwestern merken sich nicht, dass Du Dir das nicht merkst. Ich glaube, dass Du Dir mit dem Gang aufs Klo, ein Stück Deiner Würde zurückholen wolltest. Laut, für Deine Verhältnisse, protestierst Du dagegen, eine Schwester zu holen. Ich schmunzle.
Ein paar Minuten später gehst Du, gestützt durch einen Deiner anderen Enkel, zurück an Dein Bett. Während Du Dich erleichtert hast, hast Du vergessen, welches der beiden Betten im Zimmer Dir gehört. Ich warte beim Richtigen auf Dich. Du bedankst Dich, dass ich mir Zeit für einen Besuch genommen habe. Ob es draußen regnet, möchtest Du wissen. Einmal, zweimal, fünfmal...Erstaunlich mit welcher Genauigkeit Du Dinge aus der Vergangenheit noch weißt, Dir aber nicht merkst, was Du uns vor einer Minute gefragt hast. Ich sitze neben Dir und streichle Deinen Arm. Wie dünn bist Du nur geworden. Deine Haut ist fast transparent. Zart wie Seidenpapier. Ein paar blaue Flecken unterbrechen die sonst so blasse Regelmässigkeit.
Für einige Momente ist es still im Raum. Ich schaue Dir bewusst in die Augen und hoffe, dass Du in meinen siehst, was ich empfinde. Ich drehe mich auch nicht weg, als ich am liebsten losweinen würde. Wir sehen uns ähnlich, finde ich. Ich merke, wie mir Tränen in die Augen steigen und ich beginne automatisch, Dich anzulächeln. Es ist wie ein Reflex. Und plötzlich sagst Du ganz leise etwas so unerwartet lustiges. Es ist schön, Dich lachen zu sehen.
Wir reden noch übers Krankenhausessen und über andere belanglose Dinge. Du fragst, wann Du nachhause darfst. Immer wieder. Wir sagen, dass Du noch ein Lungenröntgen machen musst und dann sieht man weiter. Die Antwort reicht Dir nicht. Immer und immer fragst Du. Wir können es Dir nicht sagen, weil wir es selbst nicht wissen. So gerne würdest Du diesen verhassten Ort verlassen wollen.
Nach 90 Minuten bitte ich die anderen zu gehen. Ich möchte kurz mit Dir alleine sein. Du bedankst Dich nochmals für meinen Besuch und verabschiedest Dich. Ich möchte Dir soviel sagen, aber Du bist so weit weg. Ich merke, wie Deine Gedanken abdriften. Ich streiche über Deine Haare, gebe Dir einen Kuss auf die Stirn, wünsche Dir alles Gute und sage Dir, dass ich Dich lieb habe. Du reagierst nicht darauf. Ich sage es noch einmal. Du schaust mich an und schweigst. Dein Blick sagt alles.
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